Von Berlin nach China

Lebensgeschichten mit Leonie Schwarz am Samstag 9. April 2016

 

 

Frisch und unbekümmert berichtete die heute 23jährige Enkelin unserer zweiten Vorsitzenden von ihren verschiedenen Reisen, die sie seit ihrem 18. Lebensjahr unternommen hat und die sie schließlich zu ihrem heutigen Studium gebracht haben.

Das erste große Projekt war eine mehrwöchige Indienreise, auf die sie mit ihrer Freundin kurz vor dem Abitur aufbrach. Quer durchs Land zogen sie, ausgerechnet bei Monsunzeiten, besuchten die üblichen Sehenswürdigkeiten wie das Tadsch Mahal, zogen aber auch ins Hochland und eroberten sich – völlig untrainiert und schlecht ausgerüstet – einen fast 6000 m hohen Himalaya-Gipfel – eine Verrücktheit, die man wohl nur in so jugendlichem Alter begeht, wie sie heute selbst sagt. Ihre prägenden Eindrücke: ständig wurden sie von Einheimischen umringt, fotografiert, angefasst, vor freilaufenden Kühen und Affen musste man sich in Acht nehmen, Müll, Qualm, Umweltverschmutzung, matschige Straßen erlebten sie in einem für uns Deutsche ungewohnten Ausmaß.

 

Nach dem Abitur – über das Studienziel war sie sich noch unschlüssig – ging es für 1 Jahr als Au-Pair in das südliche Irland, ein erfüllender Aufenthalt auf einer traumhaft grünen Insel. Dann stand fest: sie würde an der Humboldt-Universität in Berlin Sinologie studieren, mit dem Schwerpunkt "Wirtschaft und Recht". Bei diesem Studium stehen Sprache, Kultur, Gesellschaft und Geschichte des Riesenlandes im Mittelpunkt, es gilt, China "von innen heraus zu verstehen", ohne unsere westlich gefärbte Brille. Bis zum 4. Semester durchlief sie ein intensives Sprachstudium, wobei der schwerste Brocken das Erlernen der chinesischen Schrift ist. Nur stures Auswendiglernen der Schriftzeichen hilft. Dann ging es endlich zu einem dreimonatigen Praktikum in einem Elektronikunternehmen in eine 4-Mio-Metropole nahe Hongkong.

Anbei ihre - unsortierten - Eindrücke:

  • Die chinesische Küche verwertet typischerweise viel tierische Innereien, das Essen wird auf Straßenständen verkauft. Da starren einen dann schon mal Hühneraugen an.
  • Die meisten Menschen auf der Straße tragen Mundschutz aus Angst vor Infektionen und wegen des Smogs.
  • Die Menschen sind sehr zurückhaltend, ein eindeutiges "Ja-Nein" gilt als unhöflich. So gab es in ihrer Firma auch keine klaren Arbeitsanweisungen.
  • Der individuelle Konsum steht viel mehr noch als bei uns absolut im Vordergrund.
  • Ein für Deutschland typisches Umweltbewusstsein fehlt, der Müll fliegt aus dem Fenster bzw. aus dem Auto auf die Straße.
  • Es gilt religiöse Toleranz, man sieht keine Kirchen.
  • Typisch für städtische Familien sind Kindermädchen, die Frauen nehmen ihre Arbeit sehr früh nach der Geburt wieder auf.
  • es wird viel und lange gearbeitet! Pro Jahr haben die Chinesen zweimal eine Woche Urlaub.
  • Korruption ist weit verbreitet.
  • Das Schulwesen ist hart und verlangt sehr viel sehr früh von den Kindern. Da die Kinder später ihre Eltern im Alter unterstützen müssen – eine Alterssicherung fehlt - , achten die sog. Tigermütter auf bestmöglicher Ausbildung. Ohne Privatschule schafft man es nicht auf die Universität. Allerdings wächst angesichts des erbarmungslosen Schulstresses auch die Zahl der Walddorfschulen, die im Unterschied zu ihrem Schulsystem mehr Raum für Kreativität bieten.

Trotz oder gerade wegen der riesigen Unterschiede zu unserer Gesellschaft ist diese Kultur faszinierend für die junge Studentin. Sie hofft, dass sich ihr nach dieser Ausbildung berufliche Chancen im Marketingbereich oder der Beratung von Unternehmen, die In China investieren wollen, bieten. Auch im kulturellen Bereich öffnen sich Möglichkeiten, etwa bei den Goethe-Instituten. Mit diesem optimistischen Blick in ihre Zukunft entließ sie die interessierten Zuhörerinnen.

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