Lebensgeschichten mit Christa Hillebrandt

"Wenn Theorie auf Wirklichkeit trifft" mit Christa Hillebrandt, Integrationsbeauftragte von Vienenburg

am Sa 27.9.2016

In einer kleinen, aber hochinteressierten Runde berichtete Christa Hillebrandt von ihrer Arbeit. Seit 30 Jahren bereits engagiert sie sich für Flüchtlinge. Schon in ihrem früheren Wohnort Paderborn gründete die gebürtige Wiedelaherin  einen Flüchtlingsverein, was ihr dann auch einen Sitz im Ausländerbeirat der Stadt Paderborn verschaffte.

Nach ihrer Rückkehr nach Vienenburg im Jahre 2000 engagierte sie sich erst privat und im Verein "Leben in der Fremde" in der Flüchtlingsarbeit, bevor sie 2006 und 2011 erst zur "Ausländerbeauftragten" und  2016 zur "Integrationsbeauftragten" berufen wurde. Es handelt sich um ein Ehrenamt. In diesem ist sie nicht weisungsgebunden und  kann die Rechte der Flüchtlinge konsequent vertreten, ohne auf politisches Kalkül Rücksicht nehmen zu müssen. So wird sie denn auch durchaus  als "konfliktfreudig" wahrgenommen und ist bei manchem Amtsträger nicht unbedingt beliebt.

 Die ersten in 2006 von ihr betreuten Flüchtlinge kamen überwiegend aus dem Balkan. Deren  noch überschaubare Anzahl erlaubte eine recht gute Einzelbetreuung. Allerdings führte die damalige Flüchtlingspolitik unter  Innenminister Schünemann (CDU) häufig zu massiven Konfrontationen mit der Ausländerbehörde in Goslar.  Ziel der damaligen äußerst rigiden Ausländerpolitik war die Rückführung der Betroffenen in ihre Heimatländer ohne Rücksicht auf die  individuellen Einzelschicksale. Einige davon schilderte sie sehr ausführlich.

Nach den letzten Landtagswahlen änderte sich auch ihre Arbeit. Inzwischen ist – auch aufgrund eines Wechsels an der Spitze  – die Zusammenarbeit mit der Ausländerbehörde in Goslar von Kooperation geprägt .  Dennoch gibt es auch hier Konflikte. Sie entstehen dadurch,  dass die geltenden Verordnungen oft völlig an der Realität der Flüchtlinge vorbeigehen, und dass die auch in den Gesetzen vorhandenen Spielräume nicht immer so genutzt werden, wie es möglich wäre.

 Anhand einiger Beispiele zeigte sie  folgende Probleme auf:

 

  • Abschiebedruck: eine von der Bundesregierung vorbestimmte Abschiebequote führt  dazu , dass die Fälle je nach Land  nicht zügig bearbeitet werden, um Zeit zu schinden. Das bedeutet für die Flüchtlinge
  • permanente Angst vor Abschiebung, solange sie  keinen sicheren Aufenthaltsstatus haben; diese Angst potenziert die meist schon vorhandene Traumatisierung durch die Ereignisse im Heimatland.  Manchmal hilft nur noch die Härtefallkommission der Landesregierung, die auch schon anderslautende Entscheidungen der Ausländerbehörde rückgängig gemacht hat. Auch die Einschaltung von Anwälten oder der Öffentlichkeit (Presse) sind oft letzte Mittel, um die Rechte der Flüchtlinge durchzusetzen.
  • männliche Flüchtlinge halten die psychische Belastung weniger gut aus als die Frauen, werden häufiger seelisch krank – bis hin zu Suizidversuchen - und müssen öfter psychiatrisch behandelt werden
  • Bürokratie, Antrags-, Formular-, Gesetzes- und Institutionen-Dschungel: hier haben  Flüchtlinge ohne Hilfe durch ehrenamtliche BegleiterInnen  keine Chance, sich zurecht zu finden. Sie brauchen Helfer, die sie z.B. zu den Anhörungen im Bundesamt für Migration (es gibt ein Recht auf Begleitung!!),  zur Ausländerbehörde oder dem Jobcenter begleiten, für sie Anträge stellen, bei Ämtern nachfragen, solange sie noch nicht genügend Deutsch sprechen, das deutsche Schul- und Ausbildungswesen erklären usw. usw.
  • fehlende Deutschkurse: vor allem vor der großen Flüchtlingswelle seit 2015 bekamen die Flüchtlinge keine Deutschkurse, was ihre Integration massiv behinderte. Auch heute noch haben nur registrierte Iraker, Syrer und Eritreer Anrecht auf einen Deutsch-Kurs noch bevor über ihren Asylantrag  entschieden wurde. Erst mit Aufenthalttitel bekommen auch Flüchtlinge aus anderen Ländern Zugang zu einem staatlich geförderten Deutschkurs.  Fehlende  Deutschkenntnisse  wiederum behindern die Kontaktaufnahme mit dem Umfeld, verhindern die Arbeitsaufnahme und damit Integration.

 

Ihr Fazit:

Das Flüchtlingsproblem wird bleiben angesichts der politischen Weltlage. Die vor Krieg und Not geflüchteten Menschen werden nicht weggehen. Die Haltung "Wir wollen die nicht" bringt keine Lösung. Im Gegenteil: Mangelnde Betreuung und Integrationsangebote erzeugen erst die von vielen befürchteten Probleme. Deshalb gilt:

Kennenlernen, helfen, sich engagieren wie z.B. in Vienenburg. Dort gibt es einen Kreis "Vielfältiges Vienenburg", das sich mit den Flüchtlingen und ihren Helfern alle vier Wochen zu gemeinsamen Aktionen trifft wie z.B. Besuch des Heimatmuseums, Einführung in deutsche Bräuche und Traditionen, Basteln, Frauenfrühstück etc. Der Erfolg gibt diesem Ansatz  recht: Der Helferkreis in Vienenburg ist stetig gewachsen, es gibt keine Probleme mit den dort lebenden 70 Flüchtlingen, und die Helfer bekommen von den Betroffenen so viel zurück an Dankbarkeit für ein "neues Leben", dass sich all die Mühe und Einsatz vielfach lohnt.

Unser Fazit:

Eine spannende, angesichts der geschilderten Schicksale auch aufwühlende Diskussion mit einer mutigen und durchsetzungsfähigen Frau, deren Engagement ganz viel Hochachtung verdient!

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