"Starcke Weibspersonen" - Frauenleben aus vergangenen Zeiten

Am 13.10.17 bekam die Lewer Däle Besuch von sechs "Starcken Weibspersonen" aus Goslar. Als ehrenamtliche Stadtführerinnen in Goslar bestens mit der Vergangenheit der Stadt vertraut nahmen sie  uns mit auf einen gedanklichen Spaziergang durch die Goslarer Oberstadt, dem ehemaligen Viertel der kleinen Leute, das sog. Nachtjackenviertel. Und dort trafen wir:

  1. Die Nachtjackenfrau, die noch in ihrer "Nachtjacke" am frühen Morgen loszog zum Brennholzsammeln im Wald, nachdem ihr Mann mit seinen Bergmann-Kumpels sich auf den Weg in den Berg gemacht hatte. Schließlich musste sie ja einen Riesenhaushalt mit 6 Kindern, Oma und Opa, Schwestern und deren Kinder versorgen.
  1. Die Magd Anna aus Astfeld, die jeden Morgen zu Fuß zum Gottesdienst nach Goslar aufbrach – im Sommer fand dieser um 5 Uhr, im Winter um 6 Uhr statt -, um danach sich bei "guter Herrschaft" in einem Goslarer Bürgerhaus zu verdingen. Arm wie eine Kirchenmaus hatte sie kein Bürgerrecht und keine Aussteuer und durfte erst heiraten, nachdem sie mithilfe ihrer Herrschaft zu ihrem Bürgerrecht gelangte.
  1. Die Bademuhme (heute Hebamme) Martha. Ihren Stand gab es in Goslar seit 1460. Das Wissen um Schwangerschaft/Geburt wurde über Jahrhunderte  von Bademuhme zu Bademuhme weitergegeben. Sie verdiente nicht schlecht, besaß die Bürgerrechte und war vom Rat der Stadt auf ihr Amt als Bademuhme eingeschworen worden, dazu kam freies Wohnen. Auch die Nottaufe durfte sie vornehmen, wenn ein Kind vor der kirchlichen Taufe starb. Und das passierte ja andauernd. Sie selbst hat in 12 Jahren 12 Kinder geboren, von denen nur die Hälfte überlebte…  So ganz ungefährlich war ihr Amt auch nicht:  Als jemand, die sich gut mit Kräutern auskannte, lief sie Gefahr, der Zauberei verdächtigt und als Hexe angeklagt zu werden! Und das hatte böse Folgen …
  1. Die bürgerliche Badersfrau Kunigunde Magdalena aus der Jacobistraße. Ihr ging es auch besser als der Magd Anna. Sie hatte schließlich durch die Ehe mit einem Bader, einem Vorläufer unseres Hausarztes, das Bürgerrecht erhalten und konnte sich so ein relativ angenehmes Leben leisten.
  1. Die Braumagd, die in einer der zahlreichen Goslarer Brauereien arbeitete und ihr Gosebier als "flüssiges Brot" anpries. Vor allem das Starkbier "nähret und wärmet". Noch im 12. Jh durften 300 Häuser in Goslar Bier brauen. Dazu musste man das Bürger- und Braurecht besitzen, das von Generation zu Generation weitervererbt wurde.
  1. Schließlich die Kiepenfrau Else, die noch bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Korb, die Kiepe, mit Proviant über 20 km nach Clausthal-Zellerfeld schleppte, um die Bergmänner zu "verproviantieren". Für die zehn Mäuler, die es zuhause zu stopfen galt, reichte der Lohn eines Bergmannes nicht. Also mussten die Frauen mit anpacken. Die "Kamele des Harzes" wurden sie genannt. Voll beladen brachte eine Kiepe 35 – 40 kg auf die Waage. Dazu kam dann noch die dichtgewebte "Nenne", eine Art Poncho, die über die Kiepe und die Schultern gepackt wurde, manchmal auch über das Baby, das noch mitkommen musste. Und nur bergauf und bergab Schleppen genügte nicht, nebenher wurde noch Allerlei gestrickt: Stulpen, Socken, Rückenwärmer … Erst Anfang des 20. Jahrhunderts brachte der Bau der Eisenbahn das Aus für diesen Beruf.

Ein Seufzer der Erleichterung ging am Schluss durch das zahlreiche Publikum: Wie gut es uns doch heute geht!!

Eine überaus anschauliche und lebendige Geschichtsstunde über das Leben einiger dort im 18. und 19. Jahrhundert beruflich aktiven Frauen. Man hätte gerne noch mehr erfahren!

Zurück